Die ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1933
Shownotes
Der Podcast "Rheinische Kirchengeschichte(n)" fokussiert in einer vierteiligen Reihe die Haltung der evangelischen Kirche zur Verfolgung von Jüdinnen und Juden und fragt u. a.: Wie ging die Kirche mit den eigenen Mitgliedern um, nämlich den verfolgten Christinnen und Christen jüdischer Herkunft? Text und Sprecher: Prof. Dr. Siegfried Hermle Sprecherin: Dr. Bettina Förster
Eine Produktion der Evangelischen Akademie im Rheinland und der Kommission der Evangelischen Kirche im Rheinland für Kirchengeschichte, 2026.
Literatur: Hermle, Siegfried/Oelke, Harry (Hrsg.): Kirchliche Zeitgeschichte_ evangelisch. Band 2: Protestantismus und Nationalsozialismus (1933–1945). Reihe Christentum und Zeitgeschichte. Band 7. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020.
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00:00:01: Rheinische Kirchengeschichten, der Podcast.
00:00:06: Heute geht es um
00:00:08: die Haltung der evangelischen Kirche zur Verfolgung von Jüdinnen und Juden.
00:00:13: Und wie ging die Kirche mit ihren eigenen Mitgliedern um?
00:00:17: Nämlich den verfolgten Christinnen- und Christen-Jüdischer Herkunft.
00:00:22: Folge eins das Jahr nineteenhundertdreiunddreißig.
00:00:27: Wieso war in der Kirche die Ablehnung des Judentums so verbreitet?
00:00:32: Grundlage für den nationalsozialistischen Antisemitismus war die im neunzehnten Jahrhundert ausgebildete Rassenlehre, die einer vorgeblich jüdischen Rasse alle nur erdenklichen negativen Eigenschaften beimaß.
00:00:47: Die Religionszugehörigkeit spielte dabei kaum eine Rolle.
00:00:52: Im Bereich der evangelischen Kirche verbannt sich dieser rassistische Antisemitism mit dem traditionellen Anti-Judaismus also der religiös bedingten Ablehnung des Judentums.
00:01:06: Daher hatten in den Kirchen nur wenige ein Sensorium für die existenziellen Bedrohungen, für hunderttausende Jüdinnen und Juden – und dass dieser Rassismus auch Personen betreffen könnte, die selbst oder deren Eltern zum Christentum übergetreten waren, wurde schon gar nicht wahrgenommen.
00:01:27: Verfolgen wir die Ereignisse des Jahres neunzehnhundertdreißig mit einem Fokus auf den Bereich der heutigen rheinischen Kirche und dem wenig beachteten Schicksal der Christinnen- und Christen jüdischer Herkunft.
00:01:44: Am ersten April, die Nationalsozialisten riefen zum Boykott jüdische Geschäfte auf.
00:01:52: Wie reagierte die Rheinische Kirchenbehörde?
00:01:55: Also das Koblenzer Konsistorium darauf?
00:01:59: Zum Boykot jüdlicher Geschäften?
00:02:01: Er folgte keine offizielle Stellungnahme, die diese Diskriminierung von Jüdinnen und Juden anprangerte.
00:02:08: Damit befand sich die Rheinische Kirchenbehörde in trauriger Gesellschaft mit anderen deutschen Kirchenbehörden.
00:02:15: Die Ursache für diese Untätigkeit der evangelischen Kirche wird greifbar wenn man Äußerungen des rheinischen Generalsuperintendenten Ernst Stoltenhoff vom dritten April betrachtet.
00:02:30: Ich bin dankbar dafür, dass der Boykott zunächst nur auf den Samstag beschränkt wurde.
00:02:36: Und ich hoffe sehr, das ja nicht wieder auflebt.
00:02:40: Dabei muss sich aber offen sagen – Dafür habe ich einiges Verständnis!
00:02:45: Dass der Angesammelte auch bei keineswegs antisemitisch eingestellten Angesamlte berechtigte Groll über das was das Presse, Börsen, Theater und so weiter beherrschende Judentum uns angetan hat sich einmal energisch Luft macht.
00:03:03: Immerhin fügt es Doldenhof noch hinzu, ich bin darin mit Ihnen völlig einig, dass das jahrelang hinausgeschriehene Judith Verrecke in gar keiner Weise zu verteidigen ist – im
00:03:15: Gegenteil.".
00:03:19: Am siebten April, und am Ende des Jahres wurde das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums eingeführt.
00:03:28: Der darin ausformulierte ARIA-Paragraf bestimmte, dass Beamte nicht arische Abstammung in den Ruhestand versetzt werden sollten.
00:03:37: Welche Folgen hatte dies?
00:03:39: Umgehen begannen staatliche Behörden politisch missliebige Personen sowie sogenannte Rassejuden zu entlassen.
00:03:48: Zum Kreis letzterer gehörte Ernst Flato.
00:03:52: Er war Krankenhaushilfsfahrer und stand im Dienst der Stadt Köln in der Berliner Petri-Kirche getauft worden.
00:04:03: Als ein Christ jüdischer Herkunft galt er nach dem Verständnis der Nationalsozialisten als Jude.
00:04:10: Trotz seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg wurde Flato zum ersten Juli, von dem Dienst der Stadt Köln entlassen und erst nach Überwindung einige Hürden gewährte ihm die ansonsten tatenlos zusehende Oberkirchenbehörde ein äußerst bescheidenes Ruhegehalt.
00:04:31: Flato verstarb, in Wachauer Ghetto.
00:04:35: Auch im folgenden Fall beintete das Gesetz sowie der Herstellung des Berufsbeamtentums die Lage einer aus dem Judentum stammenden Person abrupt.
00:04:45: Zum Ende des Jahres, wurde der als kommissarischer Verbandsdirektor tätige Philipp Rappaport entlassen.
00:04:54: Er erlebte die folgenden Jahre als tiefste Demütigung und voller Bedrängnisse, obwohl Philipp Roppaport eigentlich als Frontsoldat und durch eine sogenannte privilegierte Mischeehe geschützt war, wurde er gegen Ende des Krieges deportiert und hatte Zwangsarbeit zu leisten.
00:05:14: Als ihm die Flucht gelangen konnte er überleben da er von Pfarrer Heinrich Heldt in Essen versteckt wurde.
00:05:24: Wollte auch die Kirche den Ariaparagrafen einführen, also im Dienst der kirche stehende Personen entlassen weil sie Christen jüdischer Herkunft waren?
00:05:34: Die sogenannten deutschen Christen, die dem Nationalsozialismus nahe standen befürworteten natürlich nachdrücklich die Einführung des Ariapara grafen Aber die sich ab Mai, und dreiunddreißig sammelnde kirchliche Oppositionen wies dies zurück.
00:05:52: Die jung reformatorische Bewegung hielt in ihrem Gründungsaufruf vom zwölften Mai, neunzehundertdreiunddreißig fest, dass man grundsätzlich die Ausschließungen von Nichtariern aus der Kirche ablehne.
00:06:06: – die Frage nach der Haltung gegenüber Christen jüdischer Herkunft und insbesondere nach der Einführung eines Arierparagrafen, war in der Kirche mit das entscheidende theologische Unterscheidungsmerkmal zwischen deutschen Christen und der sich bildenden bekennenden Kirche.
00:06:26: Dies machte auch der im Bonn-Lehrende Theologe Karl Barth deutlich – In seiner programmatischen Schrift Theologische Existenz.
00:06:34: heute vom Juni, neunzehnhundertdreißig formulierte er unmissverständlich Die Gemeinschaft der zur Kirche gehörigen wird nicht durch das Blut und also auch nicht durch die Rasse, sondern durch den heiligen Geist und durch die Taufe bestimmt.
00:06:52: Wenn die deutsche evangelische Kirche die Judenchristen ausschließen oder als Christen zweiter Klasse behandeln würde, würde sie aufgehört haben christliche Kirche zu sein.
00:07:06: Allerdings blieb diese Einsprache erfolglos?
00:07:09: da die deutschen Christen nach ihrem Wahlerfolg vom Juli, in der altpreußischen Union die überwältigende Mehrheit hatten.
00:07:20: Die sogenannte braune Synode vom September, beschloss ohne längere Aussprache ein Kirchengesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten das in seinem Paragraf eins Punkt zwei festhielt Wer nichtarischer Abstammung oder mit einer Person nichtarische Abstammungen verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher und Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden.
00:07:51: Geistliche und beamte arische Abstattung die mit einer Personen nichtarischen Abstammung die Ehe eingehen sind zu entlassen.
00:08:01: Damit war den Kirchenbehörden die Handhabe gegeben aus dem Judentum stammende Pfarrer und Kirchenbeamte zu suspendieren.
00:08:13: Wer war zum Beispiel davon betroffen?
00:08:16: Noch neunzundertreiunddreißig begannen deutschkristlich dominierte Presbyterien, gemeinsam mit der Oberkirchenbehörde Pfarrers jüdischer Herkunft aus dem Amt zu drängen.
00:08:29: So wurde auch Peter Katz, der in Hechingenpfarrer war, aus dem amt gedrängt.
00:08:36: Ebenfalls aus einer kirchlichen Anstellung entfernt wurde Dr.
00:08:40: Kurt Frankenstein, der im evangelischen Krankenhaus Köln-Kalk praktizierte.
00:08:46: Er konnte zunächst noch eine zeitlang eine gynäkologische Praxis betreiben, ehe ihm die Kassenzulassung entzogen wurde.
00:08:53: Kurz vor der geplanten Deportation verstarb Frankenstein in Kölne seine Frau neunzelter dreiundvierzig in Theresien statt.
00:09:03: Vom Arya-Paragrafen betroffen waren auch Kirchenmusiker.
00:09:08: Zu nennen ist beispielsweise Julio Goslar.
00:09:11: Goslar konnte zunächst unter dem Schutz des Frontkämpferparagraphen seine Tätigkeit als Kirchenmusiker in der Gemeinde Köln Nippes fortsetzen.
00:09:22: In den letzten Jahren verlangte der Berliner Oberkirchenrat einen Bericht über Julio Gaslar.
00:09:29: Er wurde schließlich beurlaubt, dann aber auf seinem Protest hin wieder eingestellt, doch nach einer üblen Rufmordkampagne im Oktober neunzehntsechsunddreißig endgültig entlassen.
00:09:42: Nach einer Zeit voll Bedrängungen und Momenten höchster Not wurde Goslar zur Zwangsarbeit gezogen – als die Ihm und seiner Familie zugewiesene Auffangwohnung während eines Bombenangriffs zerstört wurde, ging er in den Untergrund dank der Hilfe mutiger Menschen.
00:10:03: Als Selbsthilfeorganisation hatte sich im Juli, neunzehntreiunddreißig ein Reichsverband christlich-deutscher Staatsbürger nicht arischer oder nicht reinarischer Abstammung gegründet, der bald auch im Westen wie zum Beispiel in Essen und Köln Ortsgruppen hatte.
00:10:25: Diese Organisation wurde jedoch von der evangelischen Kirche auch von der bekennenden Kirche, kaum beachtet.
00:10:33: In besonderer Weise unterstützte er im September neununddreißig von Martin Niemöller gegründete Pfarrermnotbund die nicht-arischen Pfarrer.
00:10:42: Den Bruderat des Notbundes gehörten auch drei reinische Pfarrern an Heinrich Held aus Essen Hans Enke aus Köln und Otto Wehr aus Saarbrücken.
00:11:03: Die Haltung der evangelischen Kirche kennzeichnerte einerseits verweigerte Solidarität und brachte andererseits allenfalls zaghafte Einsprüche.
00:11:15: Wie den Nationalsozialismus ergebenen deutschen Christen waren entschlossen, der nationalsozialistischen Gesetzgebung auch in der Kirche Geltung zu verschaffen und sämtliche aus dem Judentum stammende Amtsträger zu beseitigen.
00:11:31: Dies vermochten sie nach ihrem Wahlsieg im Juli auch weitgehend umzusetzen.
00:11:37: Die jung reformatorische Bewegung Kalbard und der Pfarrer Notbund widersprachen zwar unmissverständlich aufgrund theologischer Überlegungen jedem Ariaparagrafen in der Kirche, doch vermochte man den Betroffenen lediglich geistlich – und in beschränktem Umfang auch finanziell beizustehen.
00:11:58: Dass mit dem Ariaparagrafen im staatlichen Bereich vor allem jüdische Beamte betroffen waren, also Lehrer, Professoren, Richter oder Ärzte und diese von einem Tag auf den anderen ihrer Existenz beraubt worden waren war kirchlich in Kreisen kein Wort des Mitleides
00:12:16: wert.".
00:12:22: Was bleibt?
00:12:24: Die Kirchenleitungen die im April neunzehntel dreieinhalbzig das Sagen hatten scheuten sich, die nationalsozialistische Bewegung zu kritisieren oder waren der Ansicht, die gesetzlichen Regelungen seien durchaus angemessen um den als übermäßig empfundenen Einfluss der Juden zu begrenzen.
00:12:45: Die zögerliche Haltung der Kirche neununddreißig ermahnt uns heutige Christinnen und Christen nicht nur konsequent jeder Diskriminierung von Menschen entgegenzutreten sondern auch zu sehen, wie wichtig es ist den Anfängen zu
00:13:25: wehren.
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