Die ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1935

Shownotes

Der Podcast "Rheinische Kirchengeschichte(n)" fokussiert in einer vierteiligen Reihe die Haltung der evangelischen Kirche zur Verfolgung von Jüdinnen und Juden und fragt u. a.: Wie ging die Kirche mit den eigenen Mitgliedern um, nämlich den verfolgten Christinnen und Christen jüdischer Herkunft? Text und Sprecher: Prof. Dr. Siegfried Hermle Sprecherin: Dr. Bettina Förster

Eine Produktion der Evangelischen Akademie im Rheinland und der Kommission der Evangelischen Kirche im Rheinland für Kirchengeschichte, 2026.

Literatur: Hermle, Siegfried/Oelke, Harry (Hrsg.): Kirchliche Zeitgeschichte_ evangelisch. Band 2: Protestantismus und Nationalsozialismus (1933–1945). Reihe Christentum und Zeitgeschichte. Band 7. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020.

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00:00:01: Rheinische Kirchengeschichten, der Podcast.

00:00:06: Heute geht es um

00:00:08: die Haltung der evangelischen Kirche zur Verfolgung von Jüdinnen und Juden.

00:00:12: und wie ging die Kirche mit den eigenen Mitgliedern um?

00:00:16: Nämlich dem verfolgten Christinnen- und Christen jüdischer Herkunft.

00:00:20: Folge zwei das Jahr neunsundfünfunddreißig Die Nürnberger Gesetze.

00:00:28: Welche Inhalte hatten die Gesetze, die auf dem Reichsparteitag der Freiheit am twenty-fünfzigsten September nineteenhundert fünfunddreißig erlassen wurden?

00:00:39: Jüdinnen und Juden wurden juristisch zu Menschen zweiter Klasse.

00:00:44: Zudem wurde die Ehe zwischen sogenannten Ariern und Nichtariern untersagt.

00:00:50: Die notwendige Klärung wer als Jude anzusehen ist nahm die erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz vor.

00:00:58: Wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern abstammt, war als Jude anzusehen.

00:01:06: Wer zwei jüdische Großeldern hatte, galt als Mischling ersten Grades.

00:01:12: Da jedoch biologische Merkmale für das Judesein nicht feststellbar waren, musste die Religionszugehörigkeit herangezogen werden – da allein mit Hilfe Ari ihr Nachweis zu erbringen war, sollte die Kirche Amtshilfe bei der Klassifizierung der Menschen leisten und damit einen entscheidenden Beitrag zur Umsetzung der rassistischen Ideologie.

00:01:42: Die deutsch-gristlichen Kirchenleitungen, die medianationalsozialistischen Rassenpolitik übereinstimmten begrüßen den Nürnberger Gesetze.

00:01:54: war zwar gegen die deutschen Christen, aber sie schützte nicht öffentlich Jüdinnen und Juden.

00:02:00: Auch unterstützte sie nicht die in Bedrängnis geratenen Christinnen- und Christen jüdische Herkunft.

00:02:06: Dies zeigte im August nineteenhundertfünfunddreißig in Augsburg tagende Reichsbekenntnissenode.

00:02:13: Dieser lag eine Denkschrift zu den Aufgaben der bekennenden Kirche an den evangelischen Nichtariern vor verfasst von der Berliner Fürsorgerin Marga Meusel.

00:02:26: Dennoch wurde das Thema auf der Reichsbekenntnis-Synode nicht behandelt.

00:02:32: Auch eine von der Lehrerin Elisabeth Schmitz, erarbeitete Denkschrift mit dem Titel zur Lage der Deutschen Nichtarier vermochte die bekennende Kirche nicht wachzurütteln.

00:02:45: Man fürchtete durch eine Thematisierung der Judenfrage in Konflikt mit den staatlichen Behörden zu kommen und unterließ deshalb eine Beratung im Plenum der Synode.

00:02:58: Verkannt wurde, wie existenziell die Frage für viele Familien wurde, die sich häufig genug ihrer jüdischen Wurzeln erst im Zusammenhang der Nürnberger Gesetze bewusst wurden – vor allem aber ist festzuhalten dass den Entscheidungsträgern der bekennenden Kirche die theologische Dimension dieser Frage nicht wirklich vor Augen stand.

00:03:23: Wie zeigten sich die Folgen der Gesetze im Alltag der Verfolgten?

00:03:50: Daher versuchten verzweifelte Mütter einen arischen Vater zu konstruieren, in dem sie ihr Kind als Frucht einer außerählichen Verbindung erklärten.

00:04:01: Ein solcher Fall wird aus Essen berichtet, wo der allstaatsanwalt wirkende Otto Boden neunzehner dreihunddreißig seine Stellung verloren hatte.

00:04:11: Da er um die Zukunft seiner Kinder fürchtete und der Name im Folgenden alles um deren Positionen zu verbessern unter Aufwendung nicht weniger Bestechungsmittel gelang es ihm schließlich, die Geburt seines Vaters als unehelig anerkannt zu bekommen.

00:04:29: Damit wurde dieser zum Mischling ersten Grades und Ottobode selbst zum Mishling zweiten Grades.

00:04:37: Damit war es ihm und insbesondere seinen Kindern möglich den Status eines Reichsbürgers zu erlangen.

00:04:44: Für ihn selbst hatte dies zwar rückwürgen keine Bedeutung mehr Doch war es seinen Kindern möglich, eine angemessene Arbeit zu finden und einer der Söhne konnte eine geplante E-Schließung vollziehen.

00:04:57: Überhaupt gestaltete sich die E-Schließung der zumeist christlichen sogenannten Mischlinge ersten Grades äußerst schwierig da die Nürnberger Gesetze genau festlegten wer mit wem die Ehe eingehen durfte.

00:05:13: Für Mischlingen bliebe nur Partner die entweder selbst Mischlinge waren oder mit einer speziellen Genehmigung arische Partner.

00:05:23: Immer wichtiger wurde für die stigmatisierten Menschen die Möglichkeit zur Auswanderung.

00:05:29: Für den Einzelnen war es nicht einfach, sich biedende Möglichkeiten zu errohieren und den nötigen Papierkrieg zu bewältigen.

00:05:38: Zwar gab es aufseiten der jüdischen Einrichtungen entsprechende Beratungsstellen – auch der katholisches St.

00:05:44: Raphaelsverein war auf diesem Feld aktiv!

00:05:48: Doch für die evangelischen Christinnen und Christen jüdischer Herkunft boden diese allenfalls ersatzweise Unterstützung.

00:05:56: So waren es einzelne Pfarrer, die bedrängten Gemeindegliedern bei der Emigration behilflich waren.

00:06:04: Die Verfolgten hätten eine zentrale Hilfestelle gebraucht.

00:06:08: Maga Meusel hatte eine solche Einrichtung in ihrer Denkschrift angeregt – durch die bekennende Kirche konnte sich aktiv zu werden.

00:06:20: So entstand nur eine Selbsthilfeorganisation, deren Wirksamkeit von Staatswegen immer mehr eingeschränkt wurde.

00:06:29: Zudem kam es zu Spannungen zwischen Mitgliedern die als sogenannte Volljuden galten und Mischlingen so dass Ende Februar in den letzten Jahren ein Aufspaltung vollzogen wurde.

00:06:45: Eine Denkschrift brachte allerdings Protest zum Ausdruck.

00:06:49: Die Mai neunzenhundertsechsunddreißig verfasste die zweite vorläufige Kirchenleitung der sogenannten radikalen bekennenden Kirche eine umfängliche Denkschrift an Hitler.

00:07:02: Der Text thematisierte die Gefahr der Entgristlichung, die Zerstörung kirchlicher Ordnungen oder die propagierte Endkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens.

00:07:14: Weide wurde zum Ausdruck gebracht dass entgegen einer Verherrlichung des arischen Menschen, von Gottes Wort her die Sündhaftigkeit aller Menschen bezeugt werden müsse.

00:07:28: Wenn den Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauungen ein Antisemitismus aufgetränkt wird, der zum Judenhass verpflichtet – so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der nächsten Liebe!

00:07:47: Die sogenannte radikale bekennende Kirche hatte in dieser Denkschrift ein zentrales Element der nationalsozialistischen Weltanschauung, die Rassenlehre zurückgewiesen.

00:07:59: Als der Text anders als geplant in den Basler Nachrichten veröffentlicht wurde, hatte dies für den aus dem Judentum stammenden juristischen Mitarbeiter der bekannten Kirche Friedrich Weisler tragische Folgen – er wurde verhaftet und am vierzehnten Februar, nineteenhundert siebenund dreißig im Konzentrationslager Sachsenhausen zu Todi gebrügelt.

00:08:29: Nach den Erfahrungen mit der Denkschrift wagte es die bekennende Kirche nicht, die gesellschaftliche Gesamtsituation im Nationalsozialismus zu kritisieren.

00:08:39: Erst Jahre später sollte sich dies ändern – doch da war es zu spät!

00:08:44: Zunehmend war in der Kirche die Frage nach der Stellung und Bedeutung des alten Testaments strittig.

00:08:50: Worum ging es bei dieser Auseinandersetzung?

00:08:53: Die deutschen Christen lehnten das Alte Testament ab.

00:08:57: Dieses Judenbuch habe für die Kirche keine Bedeutung.

00:09:02: Die bekennende Kirche war sich hingegen darin einig, dass Alte Testament keinesfalls abzuwerten.

00:09:10: Greifbar wird dies beispielsweise auf einer Rüstwoche die die bekennenden Gemeinden des Kölner Kirchenkreises im September neunzehntfünfunddreißig in Köln-Mühlheim durchführten und die ganz Fragen des alten Testaments gewidmet war.

00:09:27: Wie stark der Zuspruch einer solchen Veranstaltung war, zeigt er Hinweis dass die Kirche an jedem Abend voll besetzt gewesen sei am letzten Abend sogar überfüllt.

00:09:45: was bleibt?

00:09:47: Versucht man die Haltung der Kirche in dieser zweiten Phase der nationalsozialistischen Rassenpolitik einzuordnen, so ist ein weitgehendes Versagen zu konstatieren.

00:09:58: Diese Zeiten mahnen uns Christinnen und Christen heute jedem Versuch Menschen nach Geschlecht, Religion, Herkunft oder Bildungsstand zu klassifizieren, entschieden zu

00:10:11: widersprechen.".

00:10:18: Textonsprecher Prof.

00:10:20: Dr.

00:10:21: Siegfried Hermle.

00:10:22: Sprecherin Dr.

00:10:24: Bettina Förster.

00:10:25: Eine Produktion der Evangelischen Akademie im Rheinland und der Kommission der evangelischen Kirche für Kirchengeschichte.

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